Hans Mendler – Malerei und Objekte

„Sommerwindreiterwunderland“

Irene Ferchl, Kulturjournalistin und Schriftstellerin
zur Einführung in die Ausstellung „Hans Mendler – Malerei und Objekte“
Waiblingen, 5. Februar 2026

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
lieber Hans,

ich freue mich sehr, nach gut sechs Jahren wieder an derselben Stelle zu stehen und zur zweiten Ausstellung von Hans Mendler in dieser besonderen Galerie sprechen zu dürfen.

Denn wir werden sofort gefangen genommen: von der Farbigkeit der Gemälde, von der kraftvollen Ausstrahlung der Holzskulpturen und der fragilen Präsenz der kleinen Ton- und Bronzefiguren.
Drei Werkgruppen zeigt der Künstler in dieser Ausstellung, wobei die Malerei und die Holzskulpturen Ihnen tendenziell eher bekannt vorkommen dürften, während Sie die »apokalyptischen Engelchen« und die Tänzerinnen vielleicht noch nicht gesehen haben – die übrigens mit einem unschätzbaren Vorteil aufwarten: Man benötigt keine große leere Wand oder ordentlich viel Platz im Raum, denn Sie machen sich gut auf dem Fenstersims oder dem Schreibtisch.

Tänzerinnen und Engelchen
Einige dieser kleinen Statuetten zeichnen sich aus zum einen durch ihre Fragilität: positioniert meistens nicht direkt auf einem Sockel, sondern auf dünnen Stäben, was ihnen eine Beweglichkeit verleiht – sie schwingen oder wippen (aber Vorsicht!) –, und sie besitzen schon optisch eine gewisse Leichtigkeit.

Hans Mendler nennt sie zum Beispiel »Tänzerin« und man nimmt ihm das ab – auch wenn diese kleinen Statuetten natürlich nicht wie die berühmte Tänzerin-Figur von Edgar Degas aussehen oder wie die vielfach für den Markt imitierten, derzeit sehr trendigen aus der Epoche des Art Deco.
Mendlers Tänzerinnen besitzen sogar ohne Arme und Beine, nur mit Kopf und Torso, eine Eleganz in der Bewegung und eine Geschmeidigkeit trotz des rauen expressiven Äußeren – vielleicht sogar deshalb?
Also eher Modern Dance als klassisches Ballett.

Diese kleinen Figuren sind »Plastiken« im Sinn des Wortes, denn sie werden meist aus Ton modelliert und anschließend in Bronze gegossen.
In der Umgangssprache verwenden wir die Begriffe Plastik und Skulptur meist synonym für dreidimensionale Kunstwerke, genau genommen meint Plastik (vom griechischen »plassein«) das Kneten und Formen und Anfügen – von Wachs über Ton und Gips bis zum Metallguss, während bei einer Skulptur durch Schnitzen, Meißeln, Sägen Material abgetragen wird, von Holz, Stein Marmor.

Zumal bei den ursprünglich sieben Paaren der »apokalyptischen Engelchen« lässt sich die Materialität im Nebeneinander direkt vergleichen: Die aus Ton, mit den Händen ohne anderes Werkzeug über einem Drahtgestell geformten Plastiken und die anschließend in Bronze gegossenen – sie sind gleich und doch nicht identisch. Was der Künstler natürlich nicht genau planen kann, ist, was beim Trocknen und Brennen passiert, wie das Material mit der Armierung reagiert, ob etwa Teile abplatzen. Er gesteht, dass obwohl die Färbung zufällig entsteht, sich seine Vorstellung vom Endzustand erfüllt hätte und zu seiner Freude vor allem das Archaische und Brüchige geblieben sei.
Aber warum Engel und warum apokalyptisch?

Apokalypse bedeutet eigentlich Entschleierung, Offenbarung, der Begriff wird gebraucht im Sinne der Enthüllung göttlichen Wissens. Wir verbinden heutzutage mit Apokalypse allerdings ziemlich dunkel gefärbt und uns als Dystopie nahe gerückt: Zeitenwende, Weltuntergang, Gottesgericht.
Die Verkünder oder Sendboten, die Offenbarer der Zukunft und Deuter der Visionen sind (in Literatur und Kunst) vielfach Engel.
Hans Mendlers Engel erscheinen selbst betroffen, getroffen vom und leidend am Schicksal, das sie verkünden, sie schweben nicht am Himmel, sondern krümmen sich über der Erde. Mich faszinieren sie seit der ersten Begegnung.

Die Sockel der Engelchen, der Tänzerinnen sind teils aus gedrechseltem Holz oder aus Metallzylindern – Fundstücke seien es, sagt er, was koketter klingt als es ist. Spannend ist auf jeden Fall der Kontrast bei den Materialien und der unterschiedlichen Haptik der Oberflächen

Größere (Holz-)Skulpturen
Hans Mendler gehört zu den Künstlern, die kein Geheimnis aus seiner Arbeit machen, im Gegenteil, er erzählt offenherzig vom Handwerklichen, lässt sich bei seiner künstlerischen Arbeit über die Schulter schauen.
Seit kurzem existiert sogar ein Film, in dem man Einblicke in die Werkstatt, den Schaffensprozess erhält. Auch seine Jahresgabe berichtet von der ersten Idee bis zur fertigen Holzskulptur oder dann weiter zur Bronze.
Dies ist ein sehr spannendes Thema, auf das ich hier aber nicht eingehen will, sie können es, wie gesagt, nachlesen oder anschauen.

Neben den kleinen Statuetten finden sich einige größere Objekte – mittelformatige im Vergleich zu den über zwei Meter hohen Wächter-Skulpturen, die bei der letzten Ausstellung vor sechs Jahren hier standen.
»Rosalie« – das ist eine weibliche Figur aus bemaltem Gips, die äußerst unbequem auf einem dachförmigen Holzklotz balanciert – ob sie deshalb einen traurigen Gesichtsausdruck hat?

Erwähnen möchte ich zwei weitere Gips-Arbeiten, die nicht eine Einzelfigur, sondern eine Situation darstellen: den »Sonnenfänger« aus dem letzten Jahr, wobei die Sonne (jedenfalls auf dem Foto) auch ein Fisch sein könnte, was den erstaunten Ausdruck des Fängers erklärt …
Und der »Wilde Ritt«: wo der Reiter einem Narren ähnelt und das Tier eine Mischung aus Eber und Stier zu sein scheint – aber die Zeiten, wo Kunst abbilden wollte, sind eigentlich vorbei.
Die Statuetten besitzen Witz, durch ihre Haltungen und die farbige Fassung.
»Absolom« hingegen scheint mir ernst, in sich ruhend, obwohl etwas unbequem aus seinem auf einen Stab gespießten Holzkopf ein bronzener Zopf wächst – man denkt an gewickelte Lianen, an Pflanzliches. Wissen Sie, was sich hinter dem Namen Absolom verbirgt? (Absalom / Abschalom, ein Königsohn aus der Bibel mit üppigem Haar, das sich bei seiner Flucht in den Zweigen eines Baums verfängt.)
Oder – bei Mendler bisher so noch nicht gesehen – diese expressive Köpfe, beziehungsweise eigentlich sind es nur Gesichter (bisher ohne Titel?) Träumen sie? Befinden sie sich in Trance? (Das Wort »Lauschen« tauchte in dem Zusammenhang gelegentlich auf.) Ihre zwischen geheimnisvoll und vorwitzig changierende Rätselhaftigkeit wirkt überaus anziehend.

Da steht der »Gigolo« mit seiner schwarzen Haartolle und dem roten Mund, vor allem glitzern seine Augen: Murmeln von unergründlicher Tiefe. An der Schulter trägt er als Schmuck / Orden die Nummer 14 auf einer Emaille-Plakette, aber auch schon etwas abgeblättert, aus der Zeit gefallen – ich weiß nicht, ob es heute überhaupt noch Gigolos gibt – Hans Mendler hat vor einigen Jahren schon mal einen geschnitzt, der war mehr harlekinesk, diesen finde ich durchaus attraktiv!

Malerei
Mit seinen Titeln – die ihm oft einfach passieren – lenkt Hans Mendler unsere Vorstellungen und Interpretationen, bei den Objekten ebenso wie bei seinen Gemälden. Diese nehmen in der Ausstellung hier, wie auch in seinem Gesamtwerk, den größten Raum ein, sie stammen weitgehend aus den letzten Jahren.

Unter dem guten Dutzend der hier gezeigten Arbeiten fällt zum einen das Figurative auf – Frauenfiguren zumal – und zum anderen die Farbe Gelb. Als deutlicher Akzent: Hut, Haar, Hose, Rock. Bei einigen Gemälden – »Im Gelb Feld«, »Im gelben Wind« (hier hinter uns) oder in »Voll aufgeregt« dominiert es die Leinwand.
Das Gelb ist / die Gelbe sind allerdings unterschiedlich: mal sehr knallig-leuchtend, mal gedeckt Richtung Ocker gehend.
Wie im wirklichen Leben ist die Farbe Gelb auch in der Kunst sehr ambivalent: als Signalfarbe warnend, gefährlich, ausgrenzend, andererseits die Farbe des Lichts, der Wärme, der Sonne, des Sommers, des Feuers und damit eine bunte, wilde, fröhliche Farbe – aber eben auch immer mit etwas hintergründigem, nicht nur angenehmem Gefühl.

Und das Personal auf den Gemälden ist gleichermaßen uneindeutig. Was sind das für Typen: »Die Tante« und die «Gelbmütze«, die »Donna« und »Lipstick«?
»Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle« (Titel einer Komödie von Botho Strauß und natürlich keineswegs eine harmlose Geschichte), hatte ich mir neulich im Atelier von Hans Mendler notiert – sprich: man meint zwar, so eine Person zu kennen, sie zu erkennen, aber irgendwie nicht so genau identifizieren zu können.
Dem Maler geht es ebenso: er könne die Geheimnisse, die seine Bilder enthalten, auch nicht beantworten.

Wir dürfen also frei assoziieren, phantasieren.
Wobei eines doch erwähnt werden muss: Die großen Augen, der etwas erschrockene Gesichtsausdruck, die Körperhaltung – und die Art der Malerei mit den Umrisszeichnungen und Kratzspuren – erinnert nicht zufällig an eine Kunstrichtung, die für Hans Mendler ganz wichtig geworden ist: die Art brut. Da ist zum einen Jean Dubuffet, zum anderen die Kunst »naiver« oder psychisch kranker Menschen aus der Heidelberger Prinzhorn-Sammlung und aus Gugging / Kloster Neuburg. Dort hatte der österreichische Psychiater Leo Navratil 1946 in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt begonnen, sich mit der »Bildnerei von Geisteskranken« zu beschäftigen, wir sagen jetzt »Outsider-Art«.

Hans Mendler, als studierter und lange am Gymnasium unterrichtender Künstler, ist fasziniert von dieser Art Kunst – ich denke, sie gibt ihm die Freiheit, spontan und unbekümmert zu arbeiten. Nicht Individuen werden dargestellt, sondern Archetypen – ähnlich ja auch bei Kinderzeichnungen, Umriss, Striche für Arme und Beine. Nur dass es bei ihm Absicht und Können ist, wenn die Arme verlängert sind und die Anatomie auch sonst nicht der Realität entspricht.

Aber was heißt schon Realität?
Betrachten wir zum Beispiel das Gemälde mit dem Titel »Die Eminenz«: das einzige, was ganz eindeutig ist, ist der gepünktelte Rahmen drumherum, der die Aufregung einfasst. Dominiert wird die Leinwand von den Augen der schemenhaften Gestalt, mehr als von den doch ziemlich leuchtenden Rotspuren, dem Schwarz, dem grünen Wesen, halb pflanzlich, halb tierisch.
Der Titel »Eminenz« verweist auf die Anrede eines Bischofs oder Kardinals – sehr rätselhaft …

Eingängiger ist das große Format »Was tust du da?« (das Gemälde stammt von 2012, ist damit das älteste hier in der Ausstellung.)
Drei weibliche Figuren scheinen mahnend / strafend auf die vierte – eher ein Mädchen in schuldbewusster Haltung – zu blicken. Angesicht dessen, was auf dem Gemälde sonst alles passiert, an Linien, Mustern, Floralem, Verwirbeltem, Vernetztem – könnte die Frage sich auch an den Maler richten: Was hast Du da alles an Schichten und Malweisen auf einer einzigen Leinwand untergebracht?!

Auch bei den Arbeiten – »Blume« und »Doppelkopf« – oder den »3-Spiel-Figurinen« – bei denen das Figurative dominiert, findet sich innerhalb der Flächen, der Kleider, allerlei: bis hin zum titelgebenden Doppelkopf.

Manchmal scheint es ganz einfach zu sein: »Alice im Wunderland«. Ich denke, Sie kennen sicher alle die Geschichte von Lewis Caroll, deren phantasievolle Einfälle absolut unerschöpflich sind. Zwar lassen sich einige Episoden nacherzählen, wie Alice dem weißen Kaninchen folgt, wie sie wächst und schrumpft, wie sie der Grinsekatze und dem verrückten Hutmacher begegnet, aber es ist unglaublich / phantastisch , wie sich in diesem Werk mathematische Logik und Nonsense und Gesellschaftskritik der Zeit (England im ausgehenden 19. Jahrhundert) zu einem der rätselhaftesten Bücher unserer Literatur mischen. Dies im Hinterkopf betrachtet man das Gemälde und möchte sich fühlen wie Alice, als sie aus der Langeweile eines Sommernachmittags in den Kaninchenbau saust und hinab in den Schacht fällt …
Kurzes Zitat:
»Es kann natürlich sein, daß ich durch die Erde einfach hindurchfalle! Das kann ja lustig werden, wenn ich bei den Menschen herauskomme, die mit dem Kopf nach unten laufen!«
Genug Literatur – wobei ich auch bei dem großen Querformat eine Assoziation hatte: »Im Park« hat für mich Anklänge eines Sommernachtstraumes aus dem Shakespeare-Stück, wo es ebenfalls um Verwandlungen verschiedenster Art geht, oder sagen wir: um Verzauberungen!

Vor diesem Gemälde müsste man sich viele Stunden aufhalten: eintauchen in diese Fülle von leuchtenden Farben und Formen, von erkennbar Pflanzlichem und Abstraktem – und vielleicht irgendwann einfach aufgeben, die Zeichen zu entschlüsseln und einfach nur noch den Eindruck des Bildes genießen, dessen dekorative Muster übrigens mit der Tapetenrolle aufgebracht wurden.
Womit ich keineswegs sagen möchte, dass dieser Park reine Harmonie und Schönheit ist, dazu finden sich doch zu viele verstörende Elemente, wie das fließende Rot rechts, das unergründliche Schwarz an einigen Stellen, eine Art starrende Augen etc.

Es lässt sich überhaupt nicht alles in Worte fassen, was auf diesen Bildern passiert – dazu ist es ja schließlich Malerei und nicht Text.
Nehmen Sie sich also die Zeit und den Mut für eigene Entdeckungen, lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf und freuen sich an diesen bunten, wilden Welten, diesem Sommerwindreiterwunderland!

© Irene Ferchl, Februar 2026