WechselWirkung – Bacteria Art + Micropaintings von Wolfgang Ganter
Wolfgang Ganter – WechselWirkung
Beim Begriff „Wechselwirkungen“ denken sicherlich viele erst einmal an Medikamente, die sich, nähme man sie zur gleichen Zeit, in ihrer biochemischen Funktion behindern, verstärken oder gemeinsam einen nicht erwünschten Effekt haben würden.
Doch das Wort „Wechselwirkung“ kann auch eine positive Färbung haben, nämlich dann, wenn aus dem Zusammenwirken zweier Akteure etwas Neues entsteht. Überhaupt ist Wechselwirkung Grundlage der menschlichen Zivilisation oder wie es der Soziologe Hans Freyer formulierte: „Gesellschaft ist überall, wo Menschen in Wechselwirkung sind.“ (1)
Egal, wie man ihn nun liest, der Begriff umfasst zwei zentrale Aspekte: Zum einen das produktive Zusammenkommen von zwei Kräften, die zum anderen durch ihren Einfluss auf- und miteinander einen nachweisbaren Effekt haben oder eine Änderung verursachen.

In Bezug auf die Werke Ganters ist die Co-Kreation, also die Wechselwirkung mehrerer gestaltender Kräfte treibendes Prinzip. Denn seine Kunstwerke entstehen explizit im Dialog von insgesamt drei Produzent*innengruppen.

Da sind zum einen die Meister der Kunstgeschichte, deren Werke eine Basis für Ganters Arbeiten bilden. Dürer, Ingres, Da Vinci, Boucher, Mantegna, Reni, Vermeyen, Botticelli, Gessi und andere wohlbekannte Namen stellen (unwissentlich) ihre Kompositionen und Bildwerke zur Verfügung. Die zweite Instanz ist der Künstler selbst.
Er wählt aus dem reichen Fundus der kunsthistorischen Motive die für sein Vorhaben passenden aus. Er findet diese in unterschiedlichen Museen auf der Welt oder in ausrangierten Diasammlungen. Diese Strategie ist in mehrerlei Hinsicht spannend: Zum einen ist es ein ästhetischer Prozess. Er schaut, welche Bildwerke ein Potenzial zur weiteren Gestaltung nutzen. Zum anderen sind immer wieder besonders ikonische oder berühmte Gemälde und Skulpturen dabei. Dadurch findet eine Art Sampling statt, das unserem kollektiven Bild- und Kulturgedächtnis entstammt. Es wird aber nicht nur kopiert, sondern durch die anschließend folgende Bearbeitung werden neue Sichtweisen auf das uns Bekannte eröffnet. Ein dritter interessanter Aspekt dieses Vorgehens ist, dass Ganter nicht aus dem Nichts heraus beginnen muss. Sein Material ist bereits vorhanden. Kommen wir zur dritten gestaltenden Kraft im Prozess: Bakterienstämme. Sie übernehmen in gewisser Weise den zweiten malerischen Part innerhalb des Prozesses, der von Ganter initiiert und gesteuert wird. Erst malte also ein Künstler vor vielleicht 400 oder 500 Jahren ein Bild, welches dann in der Gegenwart von Bakterien übermalt wird.

Die Auseinandersetzung mit Bakterien ist faszinierend. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Wissenschaft immer mehr über diese, sich selbst versorgenden Einzeller erfahren und dabei mitunter verblüffende Zahlen vorgelegt. Auf unserer Haut leben beispielsweise um die eine Milliarde Bakterien, was ungefähr der Zahl der gesamten Weltbevölkerung entspricht. Das ist viel, aber noch beeindruckender sind die Schätzungen der Zahl an Bakterien, die in unserem Körper leben: es sollen hundert Billionen sein – das ist eine Zahl mit 14 Nullen. Beschäftigt man sich mit den Bakterien, dann wird klar, dass wir Menschen nicht unabhängige Lebewesen sind, sondern im ständigen Austausch und in Symbiose mit Mikroorganismen stehen. Wir sind also mehr als die Summe unserer Teile.
Auch Künstler*innen entfernen sich immer mehr vom einsamen, selbstreferenziellen Arbeiten im Atelier und suchen nach Interaktion, Symbiose und den Schulterschluss mit sozialen Systemen und den Wissenschaften. Dass wissenschaftliche Methoden auch künstlerisch sein können und Bakterien durchaus schöpferisches Potenzial besitzen, mag manchen noch seltsam anmuten. Doch Ganters Kunst beweist das Gegenteil.

Ganters Weg zum „Bakterienkünstler“ war mitnichten einfach. Er begann mit ersten Versuchen mit übriggebliebenen Lebensmitteln aus dem WG-Kühlschrank. Der Austausch mit Wissenschaftler*innen war wichtig, aber auch das eigene Experimentieren. Heute arbeitet Ganter in einer perfekten, laborhaften Arbeitssituation mit vielen Gefriertruhen, technisch ausgereiftem Equipment und sauber beschrifteten und nummerierten Bakterienkulturen. Mittlerweile kennt der Künstler seine Co-Produzenten recht gut. Er hat gelernt, dass sie sich auf Petrischalen anders verhalten als auf Dias und weiß, wie er ihnen einen idealen Nährboden schafft.

Wie genau funktioniert das aber nun? Die Basis bilden Diapositive. Diese bestehen aus mehreren Ebenen, genauer gesagt Emulsionsschichten, die mit Gelatine gebunden sind. Ganter infiziert die Dias also mit transparenten, selbstorganisierten Bakterienkulturen, die sich unter idealen Bedingungen über chemische Kommunikation austauschen und die Gelatine fressen und sich immer weiter in die Tiefe „fressen“ und ausbreiten. Nun gibt es unzählige unterschiedliche Bakterienkulturen, die unterschiedliche Vorlieben haben, wie z.B. bei „Jean Auguste Dominique Ingres: The Blessing Christ“ (Katalog S.6 + 21) zu sehen. Gänzlich planbar ist der Fraß nicht, jedoch kennt Ganter seine Mitspieler mittlerweile sehr gut und kann die Grundlagen der Motivzerstörung, die man jedoch auch als Motiverweiterung verstehen kann, planen. Wie lange Ganter den Bakterienfraß zulässt, bestimmt seine künstlerische Intuition. Immer wieder schaut er sich die Bilder an bis etwas entstanden ist, das ihn fasziniert. Das kann ein paar Monate dauern oder auch mal zehn Jahre. Der Künstler muss also ein gutes Maß an Geduld mitbringen und auch das Risiko eingehen, dass das Endergebnis vielleicht unbrauchbar ist.
Ist jedoch das entstandene Motiv gut, dann stoppt Ganter den Prozess und beginnt mit der Übersetzung ins Kunstwerk. Nach anfänglich mühsamem Modellieren und Bearbeiten in Photoshop arbeitet er mittlerweile mit einer sogenannten Stitching Software. „Stitching“ ist in gewisser Weise ein „Zusammennähen“ mehrerer Digitalaufnahmen zu einer großen Fotografie. Das ist eine Technologie, die man im kleineren Umfang bei einigen Smartphones kennt, die Panoramaaufnahmen machen können. Fotografiert wird bei Ganter unter dem Mikroskop und die Kamera wird dabei spiralförmig bewegt, so dass ein breites Motiv, wie eine Landschaft, in seiner Gänze erfasst wird. Dabei entstehen einzelne Fotos, die von der Panoramasoftware zu einem Foto gerendert werden. Bei Ganter sind es allerdings nicht nur eine Handvoll Einzelaufnahmen, sondern Hunderte bis Tausende. Dieser detaillierte Prozess ist notwendig, damit später ein großformatiges Bild ausgedruckt werden kann. Wie groß genau, das entscheidet wiederum auch Ganter selbst. Hier ist, ebenso wie bei der Wahl der Motivvorlage, die künstlerische Intuition und das ästhetische Empfinden Ausschlag gebend.

Durch seine Art des Gestaltens nimmt Wolfgang Ganter eine einzigartige Position im Kunstbetrieb ein, da er die Kunstgeschichte, chemische, physikalische und biologische Prozesse sowie moderne Technik miteinander zusammenbringt. Die Ergebnisse passen in keine Schublade, vielmehr sind sie Hybride aus Malerei, Fotografie und Laboratorium, welche die Schönheit des Zerfalls zelebrieren.
Doch welchen Spielraum lässt der Künstler seinen Bakterienkollegen? Wie sehen die Ergebnisse aus? Hier gibt es mehrere Varianten. Die erste könnte man als „Overall“ bezeichnen. Zu sehen ist dies bei „Leonardo da Vinci: La Vierge aux Rochers“ (Katalog S.7 + 37). Von dem ursprünglichen Motiv sind nur an den Rändern einzelne Fragmente zu erkennen, die eine architektonische Säulen- und Kuppelstruktur andeuten. Die im Titel erwähnte Jungfrau oder andere (sakrale) Bildmotive sind nicht zu sehen. Denn die Bakterienstämme haben das gesamte Bild zerstört, wobei zerstört ein etwas negativer Begriff für das ist, was die Betrachter und Betrachterinnen nun sehen. Denn die bläulichen, beigen und weißen Strukturen, die sich gebildet haben, sind außerordentlich schön. Sie erinnern an Himmelsbilder oder wabernde Naturformen.
Eine zweite Strategie ist es, die Bakterien große Flächen eines Bildes einnehmen zu lassen und erst im Prozess zu entdecken, wie sich die Bildaussage ändert. „Albrecht Dürer: Selbstbildnis im Pelzrock No.5“ (Katalog S.16) ist hierfür ein wunderbares Beispiel. Ein Auge und die Nase sowie einzelne Teil des Gesichts sind noch zu erkennen und lassen den Kunstgeschichtskundigen auch ohne Titel leicht erkennen, mit wem er es hier zu tun hat. In der Alten Pinakothek München ließe sich das Original mit dieser Version vergleichen. Doch man muss nicht erst in die bayerische Hauptstadt fahren, um erkennen zu können, dass Ganters Werk viel farbenfroher und rätselhafter ist als das Original.

Eine dritte Herangehensweise ist die partielle Behandlung mit Bakterien. Bei diesen lässt sich gut nachvollziehen, welchen Spaß es dem Künstler macht, nach kunsthistorischen Werken zu suchen: Denn der stellenweise Bakterienfraß kann eine völlig neue Bildaussage generieren. Bei „Jan Cornelisz Vermeyen: Der Antwerpener Kaufmann Hieronymus Tucher“ (Katalog S.22) ist das 1530 entstandene Porträt durch eine runde, bläuliche Form erweitert. Im Original ist die rechte Hand des Kaufmanns mit der Handfläche nach oben gerichtet zu sehen. Die Geste, vermutlich soll dadurch das Bekenntnis zum fairen Handel symbolisiert werden, mag heute seltsam anmuten. Ganter macht sich dies zu Nutze und füllt die gefühlte Leerstelle. Der Gestus wird zielgerichtet und mit der Form in Verbindung gebracht. Sie wirkt wie eine schwebende Kugel, was dem ganzen Motiv etwas Magisches verleiht.

Neben den kunsthistorisch basierten Arbeiten der Serie „Works in Progress“ schafft Wolfgang Ganter jedoch auch Werke ohne Referenzen, die sogenannten „Micropaintings“. Hier nutzt Ganter Chemikalien und Haushaltsflüssigkeiten, die auf einem Glasträger vermischt werden und dann reagieren. Im Gegensatz zu den langwierigen Bakterienarbeiten geht es bei den Micropaintings schnell zur Sache, sehr schnell sogar. Denn sobald die Flüssigkeiten zusammengefügt werden, reagieren sie miteinander oder mischen sich. Der Künstler dokumentiert diesen Prozess mit der Kamera und schießt hunderte von Fotos. Schließlich sollen auch hier die Formen, die sich nur auf einer kleinen Glasfläche bilden, am Ende zu großformatig ausgedruckten und drapierten Fotos werden. Die Titel geben dem Publikum keinen Aufschluss darüber, welche Flüssigkeiten hier gemischt wurden, klar ist nur, dass es auch hier eine Wechselwirkung zwischen initiierendem Künstler und zwei oder mehreren Stoffen gibt, die im Zusammenklang ein Bild erzeugen.

Alle Werke der Reihe sind unbetitelt, also „Untitled“, tragen jedoch Untertitel, die Ganter assoziativ, dem Motiv entsprechend auswählt. Hierzu zählen „Untitled (Star Cluster)“ (Katalog S.8 + 38) oder „Untitled (Magma Chamber)“ (Katalog S.9 + 42). Geschickt spielt Ganter in diesen Serien mit Größenverhältnissen und der Bedeutung der abstrakten Kunst. Mikroskopisch Kleines erinnert an Großes, eine Atomverbindung zeigt ähnliche Formen wie eine Sonneneruption. Darin schwingt ein Hauch früher Philosophie und alchemistischer Ideenwelt, nach der der Mikrokosmos identisch mit dem Makrokosmos ist.
Ein Beispiel hierfür ist besagte „Magma Chamber“. Und tatsächlich erinnert diese geschlossene Kammer mit ihren gelb-grünlichen Strukturen an geschmolzenes Gestein, wie Magma im Erdinneren. Löst man sich jedoch vom Untertitel, dann hat die Fantasie freien Lauf. Man mag an Zellen denken, die man nur unter dem Mikroskop sehen kann, etwa eine Eizelle, vielleicht erinnert uns die Farbe an Südfrüchte oder an eine Sonneneruption. Oder wir lösen uns ganz von der interpretierenden Ebene und genießen, ähnlich wie bei einem abstrakten Gemälde, die Konzentration der Farben, die organisch geformten Flächen, die präzisen Farbübergänge und die Wärme, die vom Bild auszugehen scheint. Das bleibt letztlich den Betrachter:innen überlassen.

Ganters Kunst zeigt, wie schön alles miteinander verbunden werden kann, dass Zerfall Schönheit produziert, Klein und Groß innere Verbindungen haben und wie beeindruckend es ist, wenn Naturwissenschaften und Kunst, Bakterien und Bilder aufeinandertreffen, und wie schön es ist, die Kontrolle abzugeben und Prozesse laufen zu lassen. Vor allem aber zeigen sie, wie unglaublich schön Wechselwirkungen sein können.
Marco Hompes
Leiter Kunstmuseum Heidenheim
Oktober 2024
(1) Hans Freyer: Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft. Logische Grundlegung
des Systems der Soziologie. Verlag B.G. Teubner Leipzig und Berlin, 1930, S. 49
Zur Ausstellung ist ein 60-seitiger Katalog erschienen:
