Klaudia Dietewich, Sonderausstellung und Buchvorstellung am 13.02.2025

Fleeting Landscapes – Flüchtige Landschaften
Klaudia Dietewich

In scheinbarer Unendlichkeit kommen und gehen die Wellen den Strand hinauf und hinab. Seit unvorstellbarer Vorzeit und in unabsehbarer Zukünftigkeit bewegt sich das Meer in diesem endlosen Auf und Ab. Jede Welle hat ihr eigenes Gesicht, ist unverwechselbar, vollkommen individuell, ganz sie selbst. Mal kräuselt sich das Wasser in seichter Sanftheit, mal rinnt es geschwind und mit Schwung über den Sand, mal tobt es vom Sturm getrieben in schäumender Gischt über den aufgewühlten Strand.

Diese Individualität der Wellen spiegelt sich in der Einzigartigkeit der Bilder, die das Wasser in den Sand zeichnet. Die Bewegung des Wassers bewegt die Körner, jede Welle anders, jeder Wasserwirbel auf seine ganz eigene Art. So entstehen im Sand Abbilder der Individualität jeder einzelnen Wasserbewegung. Es sind Bilder von ungeahnter Schönheit. Durch zufällige, chaotisch dahinfließende Wirbel malt das Meer grandiose Kunstwerke in das sandige Ufer.

Unaufhörlich zeichnet das Wasser seine Bilder in den Sand. Unermüdlich wirft das Meer seine Wellen den sanften Hang hinauf. Mit jedem Wurf stirbt ein Bild und gebiert ein neues. Die Wellen und ihre Abbilder im Sand sind größtmöglicher Vergänglichkeit unterworfen. Ihre Frist umfasst einige Augenblicke. Kaum erstrahlt ihre Schönheit im Licht, wird sie im nächsten Wasserwirbel wieder aufgelöst und zunichte gemacht.

Werden und Sterben, Erscheinen und Verschwinden, Erstrahlen und Erlöschen – in schnellem Wechsel entstehen und vergehen diese einzigartigen Bilder aus Individualität und Schönheit. So spiegeln sich in diesem Werden und Vergehen zugleich Vergänglichkeit und Unendlichkeit. Das einzelne Bild, das das Wasser in den Strand malt, vergeht im Nu; besteht nur für wenige Augenblicke im Fluss der Zeit. Das Kommen und Gehen des Wassers aber, das Meer in seiner rastlosen Bewegung der Wellen am Strand wird zum Bild der Ewigkeit. Kontinente haben ihre Gestalt verändert.

Gebirge sind aus dem Meeresgrund bis in die höchsten Höhen gewachsen. Doch die Wellen am Strand haben all diese Vergänglichkeiten überdauert. Sie kommen und gehen schon immer für immer. So jedenfalls hat es den Anschein. So kann man sich hineinfühlen in ihr Rauschen, in ihr Wirbeln, in ihr Anwachsen und Abschwellen – in diesen Rhythmus der Unendlichkeit.

In diese unendliche Bewegung aus Werden und Vergehen stellt sich die Künstlerin in den Moment der erblühten Schönheit. Mit ihrer Kamera hält sie den Augenblick fest. Es ist, als wollte sie der Vergänglichkeit trotzen; als wollte sie die Schönheit des Moments verewigen. Doch, was sie einfängt, wird zum Bild vom Bild, ein Widerschein der vergänglichen Wirklichkeit. Ihre Fotos erinnern in überwältigender Weise an die Momente der einzigartigen Schönheit aus Wellen und Sand. Doch sie bleiben Abbild, Spiegelbild, Erinnerung.

Und gerade darin werden sie zur Kunst. Jedes Erinnerungsbild der vergangenen Schönheit ein eigenes, einzigartiges Kunstwerk. Die meisten Menschen, die diese Bilder sehen, werden ihren Ursprung zuerst nicht erkennen. Das Foto verfremdet den Moment im Sand und gibt der Erscheinung eine eigene Ästhetik. Am Ende spielt es keine Rolle mehr, wie das Bild entstand. Am Ende verlieren sich die Betrachtenden in der bezaubernden Schönheit des entstandenen Kunstobjekts.

Im kreativen Vorgang des Fotografierens entzieht die Künstlerin das vergängliche Ereignis am Strand der Sterblichkeit und erfüllt darin die tiefste menschliche Sehnsucht: Momente der Schönheit und des Glücks vor der Vergänglichkeit bewahren; die Erinnerung an gelingendes Leben lebendig erhalten; das Flüchtige festhalten; die Zeit anhalten. Wir wissen, dass das nicht möglich ist. Wir sind selbst wie Wellen und Sand, einzigartig und individuell, der Vergänglichkeit unterworfen. Doch die Sehnsucht ist groß, so unerschütterlich fortzubestehen wie das Meer, in Bewegung zu bleiben, ohne Frist und Ende Bild um Bild in den Sand zu malen.

Auch die Fotografien sind nur scheinbar unvergänglich. Auch sie werden die Zeit nicht überdauern. Aber ihre Frist ist so lang, dass wir Trost darin finden, uns in ihnen die Unsterblichkeit vorzustellen. Weil sie die flüchtige Erinnerung festhalten, schenken sie innere Ruhe und Gelassenheit. Weil sie den Glanz der Schönheit des Augenblicks einfangen und vor Augen führen, stärken sie die Zuversicht. Sich in die einzigartige Ästhetik der Strand-Sand-Bilder zu vertiefen, führt auf eine Reise weit jenseits von Zeit und Vergänglichkeit und lässt uns im Rauschen der Wellen die Ewigkeit spüren.

Markus Frasch
Januar 2025

 

Zur Ausstellung ist ein 116-seitiger Kunst-Bildband erschienen:

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