Beschreibung
Isabelle Borges und Joanna Buchowska
Malerei | Collage | Objekte
Die Ausstellung vereint zwei künstlerische Positionen, die in unterschiedlichen Bildsprachen arbeiten, aber von einer gemeinsamen Fragestellung durchzogen sind: Wie lässt sich Raum in Kunst erfahren?
Isabelle Borges entfaltet in ihren abstrakten Arbeiten geometrische Strukturen, die Zwischenräume hervorheben und den Betrachter in eine fließende Dynamik versetzen. Linien, Flächen und Licht werden zu Mitteln einer Erfahrung, die über das rein Sichtbare hinausweist.
Joanna Buchowska nähert sich dem Raum über die Collage: Architekturen und Naturfragmente, Illustriertenausschnitte und transparentes Papier überlagern sich, kippen aus der Perspektive und bilden fragile Konstruktionen. Ihre Bildwelten reflektieren urbane Unsicherheiten, Identitätsfragen und die Brüchigkeit unserer Gegenwart.
Während Borges ihre Bildsprache aus der Klarheit der Geometrie entwickelt, schöpft Buchowska aus dem prozesshaften Spiel der Collage. So treten zwei sehr unterschiedliche Verfahren in einen spannungsreichen Dialog – eine Begegnung, die den Betrachter dazu einlädt, Raum, Struktur und Erfahrung neu zu denken.
Isabelle Borges
In den Arbeiten von Isabelle Borges entfaltet sich ein komplexes Spiel von Strukturen, Mustern und Zwischenräumen. Ihr zentrales Interesse gilt der Geometrie des Unsichtbaren – den Lücken, Überlagerungen und Übergängen, die zwischen Formen und Flächen entstehen. Daraus entwickelt sie Bildräume, die sich auszudehnen und wieder zusammenzuziehen scheinen, als atmendes Gewebe von Linien, Farben und Licht.
Borges’ künstlerische Sprache wurzelt in der Tradition der Abstraktion, ohne sich jemals einem Dogma zu unterwerfen. Schon während ihres Studiums in Rio de Janeiro prägte sie die brasilianische Neokonkrete Bewegung, die Abstraktion mit einer zutiefst existenziellen und sinnlichen Dimension verband. Parallel dazu wirkten die Einflüsse der europäischen und nordamerikanischen Avantgarde der 1950er- und 1960er-Jahre – von der New York School bis zu Positionen wie Kurt Schwitters oder Mira Schendel. So bewegt sich Borges’ Werk in einem fruchtbaren Spannungsfeld: Es oszilliert zwischen konstruktiver Klarheit und poetischer Offenheit, zwischen strenger Geometrie und dem spontanen Eingriff des Zufalls.
Einige ihrer jüngeren Arbeiten lassen die Nähe zu Le Corbusiers Idee des „unaussprechlichen Raums“ erkennen – jenem Raum, in dem ästhetische Erfahrung über das rein Sichtbare hinausgeht und fast spirituelle Intensität erreicht. Borges übersetzt dieses Konzept in Malerei und Raumobjekte, die Architektur, Zeichnung und Skulptur verbinden. Linien, Flächen und Licht werden dabei zu Trägern einer transzendenten Erfahrung.
So oszilliert Borges’ Werk stets zwischen Ordnung und Offenheit, Konstruktion und Erlebnis. In ihrer Praxis setzt sie die brasilianische Idee des Erlebnis – Kunst als gelebte Erfahrung – in die Gegenwart fort. Ob in Zeichnungen, in Malereien mit farblich aufgeladenen Kanten oder in räumlichen Installationen: Ihre Arbeiten überschreiten die Ränder, lassen Flächen pulsieren und erzeugen Räume, die sowohl intellektuell wie sinnlich erlebbar sind.
Damit gelingt es Isabelle Borges, die utopischen Bestrebungen der Avantgarden des 20. Jahrhunderts in die Gegenwart zu übersetzen und gleichzeitig eine eigene Handschrift zu entwickeln. Ihre Werke treten in einen Dialog mit Architektur und Philosophie, mit Kunstgeschichte und urbanem Alltag – und eröffnen Räume, die nicht nur gesehen, sondern erlebt werden wollen.
Joanna Buchowska
Die Arbeiten von Joanna Buchowska entstehen im Spannungsfeld zwischen Konstruktion und Dekonstruktion. Ihre Bildwelten greifen auf architektonische Fragmente zurück – Häuser, Fassaden, urbane Strukturen –, die jedoch aller Logik der Statik entzogen sind. Gebäude schweben, durchdringen einander oder verschmelzen mit Landschaft und Natur. Aus dem Zusammenspiel von Papierfragmenten, Tusche, Acryl und Markern entstehen so überraschende Fantasiearchitekturen, deren fragile Balance den Betrachter in eine instabile, zugleich faszinierende Welt versetzt.
Buchowskas künstlerisches Vokabular speist sich aus einer Collage-Ästhetik, die auf dem Übereinanderlegen von Schichten basiert. Ausrisse aus alten Illustrierten, handgeschöpftes Seidenpapier und transparente Papiere werden überlagert, aufgerissen, neu arrangiert und mit Farbe weitergeführt. Dieser offene, prozesshafte Umgang verleiht jedem Werk eine Rohheit und Lebendigkeit, die sich dem Betrachter unmittelbar mitteilt.
In der Dualität von Aufbau und Zerstörung entstehen vibrierende Bildräume, deren Leuchtkraft und Materialität ein intensives Seherlebnis erzeugen.
Thematisch bewegen sich Buchowskas Werke zwischen Erinnerung und Zukunftsvision. Sie verdichten sich zu Archiven des Gewesenen und zugleich zu Ahnungen dessen, was kommen könnte. In manchen Arbeiten thematisiert sie Nähe und Distanz im urbanen Raum, die fragile Balance zwischen Intimität und Anonymität. Damit stellen ihre Bilder Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und der Konstruktion von Wirklichkeit in einer zunehmend überladenen visuellen Kultur.
So zeigt etwa die Werkgruppe „Floating Houses“ Häuserkörper, die im Raum zu schweben scheinen, als hätten sie die Gravitation verloren. Einzelne Fassaden- und Fensterfragmente kippen aus der Perspektive und erzeugen eine labile Architektur der Imagination. Diese Werke erinnern an die Collage-Experimente der Dadaisten, gehen jedoch darüber hinaus, indem sie die Verletzlichkeit urbaner Strukturen in Zeiten ökologischer und sozialer Krisen sichtbar machen.
In den Collagen der Serie „Urban Fragments“ arbeitet Buchowska stärker mit Ausschnitten aus Illustrierten, die mit leuchtenden Acrylfarben und Tusche überarbeitet werden. Hier entsteht eine rhythmische Verdichtung, die an das Pulsieren einer Großstadt erinnert. Anonyme Körper tauchen auf, bewegen sich zwischen Intimität und Fremdheit und stellen Fragen nach der Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt.
Eine andere Richtung schlägt sie in Arbeiten mit vegetabilen Strukturen ein, in denen Pflanzenteile, Blätter und organische Formen mit urbanen Elementen zusammentreffen. In diesen Collagen entwickelt sich ein Dialog zwischen Natur und Architektur, der keine harmonische Synthese sucht, sondern eine fragile und oft widersprüchliche Koexistenz sichtbar macht.
Kunsthistorisch lassen sich ihre Arbeiten in den Kontext der Collage-Tradition des 20. Jahrhunderts stellen – von den Dadaisten über Kurt Schwitters bis zu zeitgenössischen Appropriation-Strategien. Doch während Schwitters’ „Merz“-Bauten das Material der Welt poetisch neu zusammensetzten, entlarvt Buchowska die Brüchigkeit unserer Gegenwart.
Ihre Bildräume sind keine utopischen Visionen, sondern fragile Konstrukte, in denen Hoffnung und Unsicherheit untrennbar verschränkt bleiben.
Gerade diese Spannung macht den Reiz ihres Werkes aus: Buchowska entwirft eine Bildsprache, die sich der Eindeutigkeit verweigert und stattdessen Atmosphären, Zwischenzustände und Unbestimmtheiten erfahrbar macht.
Ihre Fantasiegebäude und Landschaften sind keine Zufluchtsorte der Idylle, sondern komplexe Imaginationsfelder, die zum Durchwandern einladen – schillernde, farbgesättigte Räume, in denen sich die Sehnsucht nach Stabilität und die Erfahrung der Fragilität unserer Welt zugleich spiegeln.
Malerei | Collage | Objekte
Die Ausstellung bringt zwei künstlerische Positionen zusammen, die auf den ersten Blick sehr unterschiedlich erscheinen, im Kern jedoch eine verwandte Suche verbindet: Sowohl Isabelle Borges als auch Joanna Buchowska arbeiten mit der Erfahrung von Raum, Struktur und Transformation – wenn auch aus jeweils eigenen Blickwinkeln.
Gemeinsam ist beiden die Offenheit ihrer Verfahren: das bewusste Spiel mit Brüchen, Überlagerungen und Übergängen. Borges’ klar strukturierte, auf Geometrie und Licht beruhende Bildräume stehen neben Buchowskas fragmentarischen, collagehaften Konstruktionen, die aus disparaten Materialien fragile Einheiten formen. Wo Borges die Linie zur Trägerin von Bewegung und Transzendenz macht, nutzt Buchowska die Bruchkante des Materials, um atmosphärische Verdichtung zu erzeugen.
So eröffnet die Ausstellung ein spannungsreiches Feld von Gemeinsamkeiten und Differenzen. Sie zeigt, wie unterschiedlich künstlerische Strategien sein können – und dennoch auf ähnliche Fragen zielen: nach Raum und Erfahrung, nach Identität und Wahrnehmung, nach der Möglichkeit, mit künstlerischen Mitteln das Sichtbare zu überschreiten und das Unsichtbare erfahrbar zu machen.
Nadine Müller, Oktober 2025
Quellennachweis:
- www.isabelleborges.com
- www.buch-owska.de
- Christoph Tannert
- Paula Terra-Neale
















