ANGELA GARRY

Von Angela Garry

Sprache: Deutsch
Inhalt: 136 Seiten, farbig
Format: 21 x 26 cm, Hardcover
Erscheinungstermin: 20.05.2019

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Beschreibung

Die Faszination eines Alptraums von der Utopie unserer gläsernen Typenhaftigkeit – Zum Werk von Angela Garry

Bilder-Auswahl 1979-2019

Ohne Frage zieht die Technik Angela Garry in ihren Bann, sonst könnte man sich die Lust an deren Darstellung genauso wenig vorstellen wie deren Schrecken. Insbesondere die Medientechnik ist in der Lage, unsere weltweite Kommunikation zu revolutionieren, aber auch unser Denken zu beeinflussen, ja sogar Besitz von uns zu ergreifen. Dass der Mensch Spuren hinterlässt, ist von jeher ein Lebenstraum. Dass er in unsrer Zeit auch ungewollt Spuren nicht nur im richtigen Leben, sondern freiwillig oder unfreiwillig auch im virtuellen Datennetz hinterlässt, kann zum Alptraum werden. Garry befasst sich seit fast vier Jahrzehnten mit dieser Thematik. Fokussiert auf die Schreib-Maschinerie, entfaltet die Künstlerin mit nüchterner, bisweilen (selbst)ironischer Akribie eine Reihe von Bildserien, welche Mensch, Maschine und Gesellschaft in eins bindet. ›Schreib-Maschinerie‹ mag kalt, wenn nicht brachial klingen, gemessen an Garrys fein dosierter Spraytechnik. Es würde aber nicht weit genug reichen, wenn hier von der Schreibmaschine die Rede wäre, die tatsächlich zum Basismotiv in diesem Werk gehört. Von hier aus ziehen sich zwei Linien durch das künstlerische Schaffen der Künstlerin, die bereits nach dem Abitur ihr Thema – Mensch und Maschine –, doch erst nach ihrer Ausbildung bzw. ihrem Studium bei H. K. Schlegel und K. R. H. Sonderborg zu ihrer filigranen Bildsprache fand.

Zum einen koppelte sie das bleierne Typenelement aus der Bildidee der Schreibmaschine heraus, das fortan als Pars pro toto die Welt der Technik als ›typische‹ Figur vertrat und zugleich wegen seines Erscheinungsbilds auch noch als abstrahierte Kopf-Chiffre fungierte und somit recht menschlich auftrat. Zum anderen war die Type nur der verlängerte Arm der Tastatur, der im Laufe der letzten Jahrzehnte weitgehend überflüssig wurde – im Gegensatz zur Tastatur, über die man seit langem direkt auf den Bildschirm gelangt. Leider trat dabei die Hand-Arbeit in den Hintergrund, das Schreiben als kreativer Akt sowieso, weshalb man kaum noch Schreibmaschine nennen konnte, was als Personal Computer oder emotionsfrei als ›Rechner‹ durchging – auch wenn der irgendwo immer noch auch eine Schreib-Maschine blieb, anders gesagt: eine Bild-Text-Maschine. So blieb Angela Garry bei ihrem Thema. Aus der Type als Bildträger wurde der Bildschirm, auf dem oder durch den Informationen transportiert werden, wobei die altehrwürdige Type in ihrem Schaffen immer noch durch die dargestellten PC-Schirme geistert. In vielen Arbeiten von Garry ähnelt der vermeintliche Bildschirm in seiner Form der Abdeckung des Typenhebelkorbs einer Schreibmaschine, der den Blick auf die Typen offenbart. Wir sehen schon bei diesen ersten Befunden, dass sich das Thema Mensch und Maschine komplex erweitert hat, wie übrigens ja auch die Welt oder besser: unsere Wahrnehmung von ihr selbst nicht gerade einfacher geworden ist. Im Umkehrschluss kann man allerdings auch nicht behaupten, dass die Welt früher nicht minder komplex gewesen wäre. Die Vernetzung im digitalen Zeitalter hat jedoch alles, was in der typografischen Zeit noch mit einem Hirn zu erfassen war, auf das Wissen der Welt ausgelagert, was freilich die Faszination für die neuen Medien noch erhöht. Dass sie einher geht mit der Angst, das Individuum könnte sich im Netz verlieren und allzu durchsichtig werden, liegt auf der Hand. Angela Garry reagierte hierauf nicht mit Horrorszenarien, sondern mit einer weiteren Chiffre, die neben die Type getreten ist: dem Fingerabdruck.

Das Thema ›Mensch und Maschine‹ ist nicht neu. Seit dem 19. Jahrhundert drang im Zuge der Industrialisierung die Welt der Technik so existenziell in die Alltagswelt ein, dass jenes Wechselverhältnis Einzug in die Kunst hielt. Wer die Großraumbürobilder und Runden Tische aus Maschinen oder die sich verselbständigenden Typenfiguren von Angela Garry betrachtet, findet sich in einem technoiden Realismus wieder, der uns zunächst irritiert und womöglich auf Irrwege lenkt. Wenn wir im Grenzbereich von Hyperrealismus und phantastischem Realismus das Motiv der offenkundig zweckentfremdeten Schreibmaschine erwähnt haben, ist man schnell mit dem Namen Konrad Klapheck bei der Hand. Der Vergleich hinkt, so verlockend er ist, weshalb er nur sinnvoll ist, wenn wir die Maschine-Mensch-Analogie als Phänomen der Zeit erkennen. Einerseits kannte Garry Klaphecks Werk noch kaum, als sie ihr Thema umkreiste. Klapheck pflegt andrerseits einen gewissen Dingfetischismus, überhöht das Erscheinungsbild des Gegenstands, um mit Ironie und Pathos, aber auch mit dem Potenzial bedrohlicher Präsenz eine Parallelexistenz dieses Gegenstandes zu zeigen. Garry ist von vornherein viel weniger an der konkreten Dinglichkeit interessiert, legt mehr Gewicht auf das Szenario. Das liegt zum einen daran, dass sie zunächst das Tastenfeld und dann ganz gezielt die Typen auswählte und sich so eine Möglichkeit schuf, diese Teile chiffrenhaft in die Welt der neuen Medien, ja selbst schon in die der elektronischen Schreib-Maschine hinüberzuretten. Darüber hinaus ist Klaphecks Bildsprache auf den psychoanalytischen Konflikt männlichweiblicher Strukturen zugespitzt, der bei Garry eine untergeordnete Rolle spielt. An ihren Schreibmaschinentypen kann man eine kleine Kulturgeschichte ablesen, kommen sie doch in der Funktion von den Lettern des Buchdrucks her, sind also ein Bindeglied zwischen der massentauglichen Schriftkultur und der industriell genutzten Technik, mit deren Hilfe der Setzkasten im Buchdruck endgültig verdrängt wurde durch Maschinen – heute mag man darüber lächeln, aber es war schon ein ordentlicher Fortschritt, die Type des Buchdrucks zum Bauteil einer Schreib-Maschine zu machen. Die Type zieht sich als Detail – in Form von Typenhebeln, -zylindern, -walzen und -köpfen – durch das ganze Werk Angela Garrys, es liegt allerdings auf der Hand, dass sie sich das Wortfeld zu eigen macht, die Type nicht nur als Bleibuchstaben aufzufassen, sondern auch als personale Zuordnung, etwa als Charaktertyp, und auch in der saloppen Wendung als spezielle, schräge, eigensinnige, auffällige »Type«. Das ist eine ganz andere Form des Anthropomorphismus als bei Klapheck.

Ihr Formenrepertoire entfaltete sich seit etwa 1979/80 mit einigem Witz, in der doppelten Bedeutung des Wortes. Durchaus Gewitzt und oft witzig, sind die Arbeiten der Schreibmaschinenbilder skurrile Inszenierungen: Beim »Hürdenlauf der Typengenerationen« rennen die diversen Typenträger um die Wette, raffen sich zu Sträußen zusammen; emsig Papier auswerfende »Typen« versammeln sich zu Konferenzen, die in nicht nur zu sprichwörtlichen Papierkriegen oder ausdrücklichen »Zweikämpfen« auszuarten scheinen, während groteske »Typen-« und »Taschenrobbys« Solotänzchen aufführen oder andere Typen »Ausfahrten mit dem Wagen« wagen. So vergnüglich und ästhetisch brillant die Szenerien sind, hintergründig muss man die irrationalen Schattenspiele, anarchischen Selbstläufer, dubiosen Konferenzrunden und fragwürdigen Phantombanden gesellschaftskritisch betrachten. Die Großraumbüros, bestehen aus abstrahierten Staubdeckeln der Schreibmaschinen und einzelnen emporgereckten Typen sprechen hier für sich: Menschen resp. Typen mutieren zu geklonten Maschinenwesen, ihre Gleichförmigkeit lässt Angst und Bange werden. Dagegen setzt Angela Garry allerdings ihre »Landschaften einer Reiseschreibmaschine«, die – bereits 1981 – mit dem authentischen Fingerabdruck arbeiten. Es sind Gouachen, die vor der ›Kulisse‹ einer Schreibmaschinensilhouette dem Gedanken einer Uniformität mit einem persönlich aufgedrückten Stempel begegnen.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre folgen »Denkmaschinen«, welche die Schreib-Maschine schon als Computeranmutung darstellen. Die Idee an sich ist ja richtig, wäre aber kaum originell, wenn die Künstlerin sie nicht mit der analogen Welt der Tastatur kombinieren würde, sprich: die Buchstaben (E-R-R-O-R, B-R-A-I-N usw.) mit ihren bildlichen – d. h. ästhetischen, intellektuell-abstrakte- ›Visionen‹ spiegeln bzw. konfrontieren zu lassen. Sinnfällig heißen die Arbeiten »Count-Down«, »Heißer Computer«, »Brain-Power« oder »Electric Brain«. An diese Denkmaschinen schließen die sogenannten »Medienberge« an, die Taste und Bildschirm in komplexen Arrangements vermischen. Statt Buchstaben finden sich auf den tastenähnlichen Elementen Signets zwischen Schreibmaschinentype, Strichcode und organischen (Kopf-)Formen. Die späteren 1990er-Jahre setzen das Motiv der Konferenzbilder als »Runder Tisch« fort, der – ganz im vielschichtigen Realitätssinn digitalen Denkens – den besagten runden Tisch zum Erdkreis erweitert. Die Bildschirme, die am Tisch längst den Menschen ersetzt haben, werden zu Satelliten, die mal – wie es scheint – konstruktiv zugange sind (»Satellitenrunde«, »Tele-Kränzchen«) oder auch destruktiv (»Geplatzte Verhandlung«, »Zerreißprobe«, »Blitzgefecht«). Die Vernetzung wird dabei in all ihrer faszinierenden Schönheit wie auch ihrer alptraumhaften Verflechtung gezeigt (»Die Drahtzieher«, »Lockere Kontakte«, »Zentralrat«, »Global Talk«), an deren entscheidenden Schaltstelle offenbar – wen wundert’s – die ursprüngliche Type auftaucht, als geheimnisvoller, unnahbarer – sagen wir: gottgleicher – Homo faber, der zwischendurch auch mal in einer Bildstörung abstürzt (wie etwa im »Schattenkabinett«). Nach der Jahrtausendwende dringt Angela Garry – nach wie vor malerisch – in die Tiefen des digitalen Bilds ein, in denen Chiffren der Schreibmaschine noch immer, wenn auch als »Surfer« oder poetisch abstrahiert »Wie ein Schmetterling im Netz« schwimmen oder schweben. Die strukturellen Fraktale der (Bildschirm-) Oberfläche sind nun überraschend zeichnerisch angelegt. Diese linearen Strukturen sind nicht nur der anschauliche Nachweis, dass die digitale Welt mit konventionellen Techniken erfahrbar gemacht werden kann, sondern sie leiten über zu einem Thema, das schon im frühen Schaffen Garrys auftaucht, aber in den letzten Jahren an Eindringlich- und Nachdrücklichkeit bildbeherrschend wurde: dem Fingerabdruck. Er erscheint in akribischen Tuschezeichnungen als Zeichen individueller Einzigartigkeit, zugleich jedoch auch als Zeichen der transparenten Identifizierbarkeit (»Stern der Durchleuchteten«), erweitert sich zum bodenlosen, fließenden Lebensraum (»Whirlpool«) und kulminiert in der zerstörten – vielleicht am Bildschirm manipuliert veränderter – Form zerstückelter Individualität (»Genetic Mix«, »Genetische Schnitte«, »Verschobene Identität«).

Mutiert oder ihrer Einzigartigkeit durch Leerstellen beraubt, wird der letztlich gläsern gewordene Mensch zum Baustein unpersönlicher Spieler, die jenseits unsrer Lebenswelt virtuell agieren. Doch bei aller Zergliederung bleiben Teile des Fingerabdrucks erkennbar. Man darf dies als hoffnungsvolle Investition in die Zukunft des Menschen lesen, der mit der Maschine zu leben versteht, auch wenn er ein anderer ist, der er einmal war. Hinterließ er früher unter anderem über das Tastenfeld einer Schreibmaschine seine realen Spuren, setzt er nun fingierte Fingerabdrücke im ›Second Life‹. Angela Garry macht im wirklichen Leben darauf aufmerksam. Sie prangert nicht an, sie reizt nur das mediale Faszinosum voll aus. Ihre künstlerischen Techniken suggerieren eine hyperreale Räumlichkeit, die ins Surreale abheben kann – »Im Auge des Rechners« gewissermaßen. Doppeldeutig sind die Titel, halb Poesie, halb Network – Verszeilen von Gottfried Benn oder Joachim Ringelnatz tauchen bei ihr genauso auf wie der Slang des World Wide Webs. Längst hat sich die Type von ihrer manuell führbaren und fühlbaren Tastenfunktion verabschiedet und ist in eine andere Dimension entschwunden. Aber eigentlich sind wir, sei es als individuelle Typen oder als ehemalige Regler am Typenrad, immer noch dieselben, die im multidimensionierten, weltweiten Whirlpool der Informationsgesellschaft sitzen, entweder fasziniert von der rasanten Fortentwicklung und totalen Vernetzung bzw. vom Wunder virtueller Welten oder aber desillusioniert von der Beliebigkeit und Überforderung des menschlichen Gehirns. Das realistisch darzustellen, bedarf es schon einer Portion Phantasie, die im Werk von Angela Garry offenbar unerschöpflich ist – überall sei »Wunderland«. Sie triumphiert so über die Gespenster, die sie gerufen hat.

Günter Baumann