Doris Marten – Visual Recordings

Von Doris Marten

Sprache: Deutsch 
Inhalt: 80 Seiten, farbig
Format: 14,8 x 21 cm, Softcover
Erscheinungstermin: 24.04.2026

Herstellerangaben gemäß Verordnung über die allgemeine Produktsicherheit (GPSR)

17,90 

Enthält 7% MwSt.
zzgl. Versand
Lieferzeit: Lieferung am Erscheinungstermin

Beschreibung

Visual Recordings

Malerei & Objekte von Doris Marten

Manchmal genügt ein einzelner Ton, um eine Erinnerung wachzurufen. Ein Lied, ein Rhythmus oder ein Klangfragment kann uns augenblicklich an ­einen bestimmten Ort, einen Moment oder eine Begegnung zurück­führen. Klänge sind flüchtig – und zugleich tief im Gedächtnis verankert.

Die Vinyl-Schallplatte gehört zu den Medien, die diese Flüchtigkeit in eine sichtbare Form überführen. In ihren feinen, kreisförmigen Rillen speichert sie Klang als physische Spur. Was wir hören, wird zu einer Struktur, die sich dauerhaft in das Material einschreibt.

Diese Idee der Einschreibung bildet einen Ausgangspunkt für die künstlerische Arbeit von Doris Marten. Die Berliner Künstlerin interessiert sich für Prozesse, in denen immaterielle Wahrnehmungs-Phänomene – wie Zeit, Farbe oder Bewegung – in eine visuelle Ordnung überführt werden.

Linien, Farben und Materialien fungieren dabei als Mittel der Aufzeichnung. Sie halten fest, strukturieren und transformieren das, was sich ­eigentlich nicht dauerhaft fixieren lässt. So entstehen Bilder, die weniger Abbild ­als vielmehr Ergebnis eines Prozesses sind.

Doris Marten entwickelt ihre Werke konsequent in Serien. Einzelne ­Arbeiten entstehen nicht isoliert, sondern im Dialog miteinander: Jedes Bild reagiert auf das vorherige und wird zugleich Ausgangspunkt für das nächste. Wiederholung ist dabei kein statisches Prinzip, sondern ein ­offenes System, in dem sich Abweichungen, Verschiebungen und neue Konstellationen entfalten.

Die Ausstellung „Visual Recordings – Malerei & Objekte“ versammelt ­Arbeiten aus vier Werkgruppen: Sound and Vision, Light’n’Lines, Elements of Light und ZIP. Jede dieser Serien setzt einen eigenen Schwerpunkt – im Material, ­in der Linie oder in der räumlichen Struktur. Gemeinsam ist ihnen die Entwicklung aus Wiederholung und Variation.

„Wiederholung bewirkt Veränderung und Vielfalt“,
formuliert die Künstlerin selbst diesen Ansatz.

Sound and Vision

In der Serie Sound and Vision rückt ein Medium in den Mittelpunkt, ­­das ­ursprünglich für die Speicherung von Klang entwickelt wurde: die Vinyl-Schallplatte. Als Datenträger speichert sie akustische Informationen in Form feiner, kreisförmiger Rillen. Diese physische Einschreibung von Klang ­bildet den Ausgangspunkt für Martens malerische Arbeit. Die Künstlerin greift die vorhandene Struktur auf, überlagert sie mit Farbe und Linie und überführt sie in eine visuelle Ordnung.
Der Datenträger wird zum Bildträger.

So dreht sich bei der Arbeit „Tims Edition No. 11“ in Rot-, Rosé- und Grautönen ein differenziertes Spiel aus spiralförmigen und konzentrischen Strukturen. Sie folgen der Pinselführung und dem Farbwechsel und ver­weisen auf unterschied­liche Vorstellungen von Zeit – linear wie zirkulär.

Was einst hörbar war, erscheint nun als sichtbare Struktur.

Die gespeicherten Informationen werden dabei bewusst überschrieben. Die bemalte Seite ist nicht mehr abspielbar. Auf der Rückseite bleiben Label und Rillen als Spur der ursprünglichen Funktion und Identität des Datenträgers erhalten. Die Kreisform der Platte sowie ihre materielle Präsenz prägen weiterhin die Komposition.

So entstehen Bildobjekte, die zwischen Malerei und Objekt oszillieren. Sie erinnern an ihre Herkunft und lösen sich zugleich von ihr. Aus akustischen Aufzeichnungen werden visuelle Aufzeichnungen.

Light’n’Lines

Die Serie Light’n’Lines konzentriert sich auf ein elementares Mittel der Malerei: die Linie. Parallele Linien strukturieren die Bildfläche in gleichmäßigen Abfolgen. ­Auf den ersten Blick erscheinen die Arbeiten klar und systematisch. Doch innerhalb dieser Ordnung entfaltet sich eine hohe Sensibilität für Farbe und Wahrnehmung. Feine Abstufungen, Übergänge und Kontraste lassen optische Effekte entstehen, die sich je nach Betrachtungsdistanz verändern. Farben beginnen zu vibrieren, Zwischenwerte entstehen im Auge des ­Betrachters, und die Bildfläche scheint sich in Bewegung zu setzen.

Die Linie fungiert dabei als konstantes Gerüst, innerhalb dessen sich die malerische Vielfalt entwickelt. Wiederholung wird hier zur Voraussetzung für Differenz. Die Arbeiten fordern eine aktive Wahrnehmung:
Der Blick folgt den Linien, löst sich wieder von ihnen und erfasst schließlich das Bild als Ganzes – als ein Zusammenspiel von Struktur, Licht und Farbe.

Die tiefblauen, türkisfarbenen und leicht grünlichen Farbtöne in „Hum in Light“ wecken Assoziationen an sommerliche Landschaften am Wasser. Das „Summen im Licht“ scheint visuell übersetzt – in ein flirrendes Farbspiel, das an die Oberfläche eines Ozeans oder Sees erinnert. Der Blick gleitet über die Bildfläche wie über bewegtes Wasser. Zwischen Tiefe und Spiegelung entsteht ein Moment der Irritation, der zugleich Ruhe ausstrahlt. Das Sichtbare lenkt ab – und öffnet Raum für eigene Gedanken.

Elements of Light

Mit der Serie Elements of Light erweitert Doris Marten ihre Bildsprache in den Raum. Die Werke bestehen ­aus einzelnen Paneelen, die als eigenständige Einheiten ­angelegt sind und sich zu größeren Kompositionen zusammenfügen.

Jedes Element folgt einer eigenen visuellen Logik und ist zugleich Teil eines übergeordneten Systems. Erst im Zusammenspiel entsteht das vollständige Bild.

Die modulare Struktur verschiebt den Fokus vom einzelnen Bild hin zur Beziehung zwischen den Elementen. Übergänge entstehen nicht nur innerhalb eines Bildes, sondern zwischen mehreren Bildträgern.

So bildet sich ein offenes Gefüge, das aus Wiederholung und Variation entwickelt ist. Die Serie markiert eine Weiterentwicklung der seriellen Arbeitsweise: Das Bild wird im Verhältnis seiner Teile gedacht.

Die Ausstellung „Visual Recordings“ präsentiert erstmals ein Werk aus dieser Serie mit dem Titel „Solo“. Die vertikal angeordneten Paneele bleiben als einzelne Elemente klar lesbar und gliedern das Bild in präzise gefasste Abschnitte.

Mit einer Tiefe von wenigen Millimetern treten die Bildträger leicht aus der Wand hervor. Feine Schattenlinien an den Kanten machen das Licht sichtbar und betonen die Struktur.

Innerhalb der Elemente entfalten sich differenzierte Farbverläufe. Es entsteht eine ruhige, in sich geschlossene Dynamik, die auf Verdichtung zielt. Die Fugen zwischen den Paneelen wirken dabei nicht als Trennung, sondern als aktive Zonen: Sie rhythmisieren das Sehen und setzen klare Zäsuren. So erscheint das Bild weniger als geschlossene Fläche, sondern als präzise komponiertes Gefüge aus Farbe, Licht und Abstand.

ZIP

In der Serie ZIP rückt die materielle Qualität der Vinyl-Schallplatte in den Vordergrund. Durch Aneinanderreihungen und Verschraubungen entstehen plastische Objekte, die sich von der ursprünglichen Funktion des Mediums lösen. Technische Elemente bleiben sichtbar und prägen die Form.

Die flache Scheibe entwickelt sich zu einem räumlichen Körper, in dem ­Material, Konstruktion und Oberfläche in ein spannungsreiches Verhältnis treten. Der Datenträger wird zum Objekt.

In der Arbeit „Roll over Beethoven“ sind zahlreiche Vinylplatten zu einem kompakten Körper geschichtet. Die seitlich farbig gefassten Kanten jeder einzelnen Platte bilden in der Stapelung konzentrische Ringe, die die innere Struktur des Objekts nach außen sichtbar machen.

In der Frontalansicht bleibt das Label der vordersten Platte erhalten. Der Verweis auf die Deutsche Grammophon sowie auf Beethovens 9. Sinfonie (op. 125) führt die ursprüngliche Funktion des Mediums als Träger von Musik vor Augen. Der Titel verschiebt diese Referenz: Der Datenträger wird nicht mehr gehört, sondern gelesen. Klang wird nicht wiedergegeben, sondern in eine visuelle Ordnung überführt.

So entsteht ein Objekt, das Speicherung, Materialität und kulturelle ­Bedeutung zugleich sichtbar macht.

Serielle Systeme

Über alle Werkgruppen hinweg zeigt sich damit ein zentrales Prinzip: die Entwicklung aus Wiederholung. Linien, Formen, Materialien oder Module werden aufgegriffen, variiert und in neue Zusammenhänge überführt. Jedes Werk steht für sich und ist zugleich Teil eines größeren Zusammenhangs.

So entsteht ein offenes System, das nicht auf ein festes Ergebnis zielt, sondern auf einen fortlaufenden Prozess. Die Arbeiten von Doris Marten machen diesen Prozess sichtbar – als eine Form der visuellen Aufzeichnung, die sich aus Zeit, Wahrnehmung und kontinuierlicher Veränderung entwickelt.

Nadine Müller, April 2026